„In Konstanz gibt es eine große Bereitschaft zu helfen“

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Nicole Dillschnitter ist neben Till Hastreiter und Andreas Bechtold eine der drei Initiatorinnen von „83 – Konstanz integriert“. Warum eigentlich? Ein Gespräch über Motivation, erste Erfahrungen und darüber, wie Integrationshürden kleiner werden könnten.

Wie ist die Idee zu „83 – Konstanz integriert“ entstanden?
Die zündende Idee kam ursprünglich von Till Hastreiter, der dann auf Andreas und mich zukam. Er ist bei mir sofort auf eine große Bereitschaft gestoßen. Die ersten Bilder der großen Flüchtlingsströme vom August 2015 haben mir verdeutlicht, dass es Zeit wird, sich endlich zu engagieren. Das Thema geht uns alle an und ich konnte nicht mehr wegschauen. Wir sind dann losgezogen und haben uns über die bereits bestehenden Initiativen und Helferkreise informiert, um herauszufinden, wie wir sie weiter ausarbeiten können. Klar war aber auch, dass wir nur etwas machen wollen, was wir auch wirklich können, wo wir alle unsere Kompetenzen einbringen können. Heraus kam das Projekt 83 und das hätten wir zu dritt allein nicht umsetzen können. 83 besteht aus einer ganzen Reihe gut ausgebildeter Menschen, die sich alle auf die Idee eingelassen haben, und ohne die die Umsetzung unmöglich gewesen wäre.

Was ist notwendig gewesen, um die Vermittlung zu organisieren?
Wir haben das Netzwerk hergestellt und die Strukturen aufgebaut, die zwingend notwendig sind, um eine qualitative Vermittlung zwischen Geflüchteten und Vermieter zu erreichen. Wir haben Kontakte zu Sozialarbeitern aufgebaut, sind mit dem Jobcenter im Gespräch und wir haben Paten gefunden, die zukünftige Vermittlungsprozesse begleiten werden. Glücklicherweise konnten wir diese Strukturen an einer „Pilotvermittlung“ testen. Wir haben dadurch erfahren können, wo genau die schwierigen Punkte sind und worauf wir in zukünftigen Vermittlungen achten müssen. Es ist uns in diesem ersten Fall sehr gut gelungen, die beiden „richtigen Puzzleteile“ zusammen zu bringen.

Du hast selbst eine Flüchtlingsgeschichte in der Familie – wie hat Dich das motiviert, bei der Kampagne mitzumachen?
Mein Vater kam 1960 als 17-jähriger als Gastarbeiter aus Sardinien nach Deutschland. Heute würde man ihn als Wirtschaftsflüchtling bezeichnen. Unter anderem ist natürlich die Geschichte meines Vaters genug Motivation, meinen kleinen Teil dazu beizutragen, dass die vergangenen Fehler in Bezug auf die Integration sich nicht wiederholen, und dass wir alle daraus lernen. Ich sehe es als meine gesellschaftliche Verantwortung an.

Wie ist es neben Arbeit und Familie möglich, so viel Zeit zu investieren?
Als freie Soziologin arbeite ich überwiegend in Projekten. Dadurch ist es mir möglich, frei und flexibel über meine Zeit zu bestimmen. Zeit, die ich mir in den letzten Monaten ganz bewusst für das Projekt 83 genommen habe, und in der ich auf bezahlte Projekte verzichtet habe. Meine Familie steht voll und ganz hinter mir.

Wie haben die meisten in Konstanz auf Ihre ersten Anfragen reagiert?
Überwiegend bin ich tatsächlich bei meinen Anfragen nur auf positive Resonanz gestoßen. Selbst da, wo ich dachte, es wird schwierig, war die Bereitschaft zum Helfen sehr groß.

Und was ist mit ablehnenden und vielleicht auch krassen Reaktionen?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass in einer demokratischen Gesellschaft ein grundlegendes Prinzip vorherrscht: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Meinungen. Sie lebt von der Diskussion sich frei und kritisch zu äußern. Im Zusammenhang mit dem Projekt 83 bin ich persönlich natürlich auch schon auf andere Meinungen in Bezug auf die Flüchtlingsfrage gestoßen. Wichtig ist es mir, kritischen Fragen mit einer konstruktiven Streitkultur zu begegnen. Wirklich ablehnende oder krasse Reaktionen habe ich aber im Zusammenhang mit unserem Projekt bisher nicht erlebt.

Weshalb setzt Ihr genau beim Wohnraum an?
Nur durch einen eigenen Wohnraum ist es für die Flüchtlinge möglich, ein eigenes Leben zu beginnen und nur dadurch entstehen Anknüpfungspunkte an unsere Gesellschaft. Wer Anknüpfungspunkte hat, kann am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und ist motiviert, die Sprache schneller zu lernen. Denn Sprache ist schließlich unerlässlich für das Gelingen von Integration.

Welche Art von Wohnraum wird besonders gesucht – braucht es einen eigenen Eingang?
Sicherlich wäre es für die Menschen toll, wenn sie anfangen könnten, ein ganz und gar selbstbestimmtes Leben zu beginnen. Da kann ein eigener Eingang schon mal ganz hilfreich sein. Aber auch Wohngemeinschaften geben perfekte Möglichkeiten, um Anknüpfungspunkte in unsere Gesellschaft herzustellen. Es kommt also ganz auf die Einzelfälle an. In erster Linie suchen wir mit unserer Kampagne jede Unterbringungsmöglichkeit. Vor allem wollen wir den inaktiven Wohnraum in Konstanz aktivieren. Haben wir den Wohnraum, suchen wir dann im nächsten Schritt den passenden Geflüchteten und/oder umgekehrt. Erst dann geht es daran, sich an die bürokratische Arbeit zu machen …

Was Sind die häufigsten Bedenken von potenziellen Vermietern?
Viele Menschen haben sicher Berührungsängste und nach den Vorfällen in Köln durchaus auch Angst vor der fremden Kultur. Die Bilder und Klischees, die wir im Kopf haben, lassen sich oft nur revidieren, wenn wir in persönlichen Kontakt mit den Menschen kommen. Oder eben, wenn eine klare Schnittschnelle die Verantwortung übernimmt, und dabei hilft, Vorurteile abzubauen. Diese Schnittstelle wollen wir mit unserer Vermittlungsarbeit gerne aufbauen. Meiner Meinung nach, haben wir in Konstanz weniger das Problem, dass die Menschen nicht bereit wären, einen Geflüchteten aufzunehmen oder ihm Wohnraum zu vermieten. Viele scheuen auch einfach den Bürokratieaufwand, der damit verbunden ist. Hoffentlich gelingt es uns als Schnittstelle, diesen vereinfachen können. Ein weiterer Punkt ist sicherlich auch, dass sich die Menschen durchaus darüber im Klaren sind, dass ein Verantwortungsgefühl nötig ist, wenn man einen Fremden ohne soziales Gefüge aufnimmt. Verantwortung bedeutet Zeit und in unseren gehetzten Leben mangelt es an Zeit. Es kann also für alle auch eine Chance zu einem Neuanfang sein.

Wie fügt sich 83 in das Netzwerk der bereits bestehenden Initiativen ein?
Wir haben uns intensiv mit den anderen Initiativen auseinander gesetzt und stehen auch im Kontakt zu diesen. Ohne das schon lange bestehende Engagement und die große Vorarbeit der anderen Initiativen wie zum Beispiel Save me, Be welcome oder Café Mondial gäbe es wahrscheinlich die Notwendigkeit unserer Kampagne gar nicht. Denn nur durch die schon vorhandene Erfahrung der unterschiedlichen Helferkreise, konnten wir herausfinden, wo wir unsere Kompetenzen einbringen können. In jedem Fall zielt unsere Kampagne auch darauf ab, eine breite Öffentlichkeit und eine hohe Akzeptanz in der Bürgerschaft für ALLE ehrenamtlichen Initiativen zu erreichen.

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